SOWATORINI Landschaft - Zur Ästhetik von Ruinen

Veröffentlichung

Zur Ästhetik von Ruinen

Ruinen haben als «Landmarken der Erinnerung»1 eine exponierte Lage in der Erinnerungslandschaft. Der Versuch einer Annäherung an ein Phänomen.

in Anthos –  Zeitschrift für Landschaftsarchitektur

Ruinen sind materielle Spuren der Geschichte, sie können sowohl Gegenkonzepte darstellen wie auch Bestandteile von Landschaft sein: Im Landschaftsgarten sind Ruinen inszenierte Symbole einer idealisierten Vergangenheit, in der postindustriellen Landschaft genuine Ausgangspunkte zeitgenössischer Landschaftsarchitektur.

«Der Blick, der ein Trümmerfeld zu einer Ruinenlandschaft synthetisiert, ist der festgehaltene Augenblick zwischen einer unvergangenen Vergangenheit und einer schon gegenwärtigen Zukunft. Die Ruine dimensioniert sich in allen drei Modi der Zeit, genauer: nicht die Ruine, sondern der reflexive Blick, in welchem sich die Ruine als ästhetischer Gegenstand bildet.»2, schreibt Hartmut Böhme. Es gibt also eine wesentliche Unterscheidung von Trümmern und Ruinen. Trümmern fehlt eine Erzählung, im umfassenden Sinne des Wortes, eine Geschichte. Sie ermöglichen keine andere Lesart als die, dass hier etwas in die «Formlosigkeit blosser Materie»3 übergegangen ist, «amorpher Schutt und universale Entropie»4. Trümmer scheinen so sehr Teil der Landschaft zu sein, dass sie nicht als Gegenentwurf dazu gelten können. Die Geschichte der Trümmer ist bis zur Unlesbarkeit verschlüsselt. (Abb.1)

Ruine und ästhetische Distanz

Die Ruine dagegen ist gut lesbar, sie erzählt eine Geschichte. Davon, dass die Kräfte der Natur, das vom Menschen Erbaute mehr und mehr dominieren. Im Gegensatz zur Geschichte der Landschaft ist die Geschichte der Ruine leichter verständlich: Nach Lucius Burckhardt ist die Ruine ein bereits entschlüsselter «Code, auf den zurückgegriffen werden kann»5. Jede Ruine besitzt ein Moment des Todes. «Sie ist die Stätte des Lebens, aus der das Leben geschieden ist.»6 Die Ruine kann jedoch ästhetisch wahrgenommen werden, wenn dieses Moment des Todes nicht unmittelbar ist, wenn es abstrakt bleibt und sich nicht in persönlichen Schicksalen konkretisiert. Die Ruine selbst ist eine Abstrahierung auf ihre tragenden Substanz7; auf das unmenschlich Überdauernde. Niemand kann den Ruinen des ausgebombten Dresden, den Überresten des World-Trade-Centers in New York, die als Schreckensereignisse im kollektiv-semantischen Gedächtnis8 abgelegt sind, ästhetischen Wert beimessen. Solchen Ruinen fehlt einer der drei Modi der Zeit: die Zukunft. Diese Bilder sind in einer Art erschreckenden vergangenen Gegenwärtigkeit gefangen.Für eine ästhetische Betrachtung ist eine zeitliche Distanz notwend ig. Es muss, umgangssprachlich ausgedrückt, Gras über die Sache gewachsen sein. Hinter dieser Metapher steckt die Ablesbarkeit von Zeit in Vegetation. «Die Ruinenkunst will, dass wir die Zeit sehen.»9 Neben den Spuren der Verwitterung und Erosion, neben der ansetzenden Patina macht vor allem die Vegetation die Zeit sichtbar. «Angesichts alter Baumriesen lässt sich das Vergehen langer Zeiträume ahnen…»10, schreibt Cordula Loidl-Reisch. Erst nach einer gewissen Zeit ist die ästhetische Annäherung an die Ruine möglich, können Zerfall und Zerrüttung positiv besetzt und als das Alte gesehen werden, das eine Geschichte zu erzählen hat.

Künstliche Ruinen

Künstliche Ruinen gehören seit Jahrhunderten zum Repertoire der Gartenkunst. Gerade bei Architekturen, die bewusst in einen ruinösen Zustand versetzt werden, stellt sich die Frage, welche Geschichte sie evozieren. Reinhard Zimmermann stellt den Wert der künstlichen Ruinen als «fiktive Spolien zur Erzeugung einer idealisierten Vergangenheit»11 heraus. Ein Geschichtsverständnis, das nicht von der einen historischen Wirklichkeit ausgeht, muss eine Idealisierung zwangsläufig in Frage stellen. Künstliche Ruinierungen, die ihre Künstlichkeit nicht zeigen, bedienen, in vorgespielter Authentizität, die Sehnsucht nach Geschichte in Form eines oberflächlichen Vintage-Looks. Welche Haltung die künstliche Ruine zum Original einnimmt, wie weit sich die Mimesis an das Original heranwagt, ist entscheidend. Nur in der Differenz zum Original kann die Provokation neuer Lesarten liegen. Ein Beispiel ist die Wasserwand auf der Hafeninsel in Saarbrücken des Büros Latz und Partner. Sie zitiert formal ein antikes Bauwerk, bricht aber durch die Materialisierung mit Klinker diese Illusion auf und verbindet das Bauwerk mit dem industriegeschichtlichen Hintergrund des Ortes. Diese Ambivalenz wirft Fragen auf und irritiert die Sehgewohnheiten. Denn: «Erst der Riss im Üblichen und Gewohnten erzwingt ein radikales Neu-Sehen… .»12

Vielleicht liegt in derartigen Brüchen und Rissen, in dieser «Ästhetik des Schocks»13, wie Hartmut Böhme es formuliert, der Zukunftsmodus Ruine? Der Betrachter kann den Freiraum, den «die Abwesenheit des ursprünglichen Zwecks»14 eröffnet, mit neuen Bedeutungen aufladen. Nicht zufällig erinnert die Anmutung des unfertigen Hauses, an die einer Ruine. Die Prognose ist nicht gewagt: Die Ruine wird eine reizvolle Baustelle der Landschaftsarchitektur bleiben.

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1. Weilacher, Udo: Ruinen. (Skript zur Vorlesung: Theorie und Methoden der Landschaftsarchitektur). Freising, 2010. (S.3)

2. Böhme, Hartmut: Die Ästhetik der Ruinen. Göttingen 1989, S. 287.

3. Simmel, Georg: Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908. Frankfurt am Main 1993, S.126.

4. Böhme, Hartmut: Ruinen-Landschaften. Zum Verhältnis von Naturgeschichte und Allegorie in den späten Filmen von Andrej Tarkowskij. Frankfurt am Main 1988. http://www.culture.hu-berlin.de/hb/static/archiv/volltexte/texte/natsub/ruinen.html.

5. Burckhardt, Lucius: Elysische Felder. Landschaftsgärten und ihre Bauten. Berlin 1987, S. 7.

6. Simmel, Georg: ebd., S. 129.

7. Loidl-Reisch, Cordula: Patina. Über das Spannungsverhältnis von Verwilderung und Patina, in: Die Gartenkunst 2/1997, Worms, 1997, S. 292.

8. Cordes, Marcus: Landschaft-Erinnern. Hamburg 2010. S. 41-42.

9. Böhme, Hartmut: Ruinen-Landschaften.

10. Loidl-Reisch, Cordula: Patina. S. 295.

11. Zimmermann, Reinhard: Künstliche Ruinen – Studien zu ihrer Bedeutung und Form. Wiesbaden 1990, S. 227.

12. Erni, Peter; Huwiler, Martin; Marchand, Christophe: Transfer. Erkennen und bewirken. Baden 1999, S. 70.

13. Böhme, Hartmut: Die Ästhetik der Ruinen. S.291.