Veröffentlichung

Ruhr 2010

Kulturhauptstadt Ruhr 2010
Mit temporären Installationen, aber auch langfristigen Projekten präsentiert sich das Ruhrgebiet als europäische Kulturhauptstadt. Ein Ziel ist es, die Region als Kultur- und Wirtschaftsstandort attraktiv zu machen.

Dass es im Ruhrgebiet mehr gibt, als den Westfalenpark, Duisburg-Nord und Schalke 04, dürfte hinlänglich bekannt sein. Im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 eröffnen sich noch einmal neue Perspektiven; nicht nur für die Landschaftsarchitektur. Im Zentrum der Planungen für Ruhr 2010 stehen dabei künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum: Temporäre Installationen, die nur für wenige Stunden oder Tage Ort mit neuen, ungewohnten Bedeutungen aufladen; aber auch langfristige Projekte, die die geforderte und proklamierte Nachhaltigkeit einer solchen Großveranstaltung Realität werden lassen. In jedem Fall bietet sich dem Besucher, dem Charakter der Agglomeration an der Ruhr entsprechend, ein  riesiger Flickenteppich unterschiedlicher Veranstaltungen. Eine Auswahl von Projekten, bei denen landschaftliche, räumliche und naturschutzfachliche Qualitäten im Vordergrund stehen, soll eine erste Orientierung bieten.

Die Parkautobahn
Die A42, oder auch Emscherschnellweg genannt, verbindet im nördlichen Ruhrgebiet auf einer Länge von 70 Kilometer die Städte Duisburg und Dortmund. Im Rahmen von Ruhr 2010 soll die A42 Parkautobahn werden. An der Strecke befinden sich der Tetraeder in Bottrop und der voluminöse Gasometer in Oberhausen, auch ein paar Spitzen des Hochhofens Meidrich sind über den Baumwipfeln zu erahnen.
Schon in den ersten Projektskizzen ging es darum, neue Ausblicke zu provozieren und sich dem Raum Autobahn offensiv zu nähern. „Auftakte“ sollen Anfang und Ende der Autobahn inszenieren, an „Parktankstellen“ leiht man Fahrräder aus und radelt durch den Emscherpark. Die Lärmschutzwände werden einheitlich gestaltet, „Landschaftsfenster“ sollen den Blick für den Raum neben der Straße öffnen und am Autobahnkreuz in Castrop-Rauxel entstehen in den Blättern des „Klees“ die so genannten Ohrenparks. In den Visualisierungen der Büros Latz und Partner und GTL Landschaftsarchitekten kann man erahnen, wie typische Parkbäume, Bänke und „Follies“  dem Autofahrer künftig en passent serviert werden. Zur Kulturhauptstadt werden erste Teile dieses langfristigen Projekts zu sehen sein.

Stillleben A40
Gut 20 Kilometer weiter südlich der A42, widmet sich die Kulturhauptstadt der nächsten Verkehrsader, die das Revier in Ost-West-Richtung durchquert – der A40. Am 18. Juli wird die Autobahn für einen Tag gesperrt. Wie zuletzt in der Ölkrise 1973 werden die Menschen die Straße für einen Tag erobern. Die eine Fahrtrichtung, die so genannte Mobilitätsspur, wird Fahrradfahrern und Inline-Skatern vorbehalten sein. In der anderen Fahrtrichtung wird auf sechzig Kilometer gepicknickt. Bierbänke reihen sich zu einem endlosen Tisch. Die Tische werden in einem Bewerbungsverfahren vergeben, die Bewerber müssen einen kleinen künstlerischen Beitrag leisten. Das reicht von die Ausgabe kulinarischer Snacks über Vorstellungen von Mittelalter-Gruppen bis zu Gesangseinlagen von Gospelchören. Die Passanten spazieren an dem Picknick vorbei, kommen ins Gespräch oder nehmen kurz Platz.
Dazu kommt das Kunstprojekt „B1/A40 – die Schönheit der großen Straße“. An sechs Orten soll sich der Besucher mit dem Stadtraum A40 auseinandersetzen. „Neue Landschaften“, „Kulturelle Kreuzungen“ oder „Roadmovie Ruhr“, so lauten die Namen der Installationen an einer der am stärksten befahrenen Autobahnen Deutschlands.

KulturKanal
Und noch eine riesige Verkehrsinfrastruktur wird  2010  im Wortsinne in einem anderen Licht
erscheinen, der Rhein-Herne-Kanal. Schon heute gelten seine Ufer als beliebtesten Grillplätze im Zentrum des Reviers, nun wird der Kanal durch unterschiedliche künstlerische Interventionen bespielt. Lichtinstallationen und großformatige Projektionen an die am Ufer stehenden Gebäude, werden den größten Akzent setzen. Dazu gibt es Schiffe voller Sänger, eine dauerhafte Ausstellung an 15 Orten und begehbare Lichtarchitekturen zum Abschluss am 26. September im Duisburger Innenhafen. Dort wird dann auch der Erweiterungsbau von Herzog & de Meuron auf den Getreidespeichern des Museums Küppersmühle zu erleben sein.

Emscherkunst
Quasi nebenan liegt die gut 30 Kilometer lange Emscherinsel. Ein schmales Band, 30 bis 2 000 Meter breit, zwischen der Emscher und dem Rhein-HerneKanal. Die Insel ist durch unterschiedliche Nutzungen geprägt. Das Projekt Emscherkunst nähert sich diesem differenzierten Raum mit einer großen Kunstausstellung im öffentlichen Raum. Es ist geplant diese Ausstellung in Zukunft in Form einer Biennale oder Triennale fortzuführen. Der Bogen der Kunstprojekte spannt sich dabei von klassischen Skulpturen über temporäre Architektur (Die überdachte Brücke „Warten auf den Fluss“ von Observatorium) bis hin zu landschaftsarchitektonischen Eingriffen. Für die
Inszenierung eines alten Klärwerks haben sich die beiden Niederländer Piet Oudolf und Eelco Hooftman zusammengetan. Den „Versunkenen Garten“ in einer alten Kläranlage werden die Pflanzungen Oudolfs besiedeln, es sind Zugänge und Sitzmöglichkeiten angedacht.

Über Wasser gehen
Eine kleinere Veranstaltung ist die von Billie Erlenkamp kuratierte Kunstausstellung „Übers Wasser gehen“. Spielort ist die Seseke im östlichen Ruhrgebiet. Der ehemalige Abwasserkanal ist weitgehend renaturiert. In der Schlussphase der Umgestaltung beziehen zwölf Künstler Position. An markanten Flussabschnitten, die unterschiedliche Stadien der Renaturierung zeigen, eröffnen Sie einen künstlerischen Zugang zum Thema: Transformation von Natur und Landschaft.

„Open light in private spaces“
Unter dem Titel „Open light in private spaces“ läuft die weltweit erste „Biennale für Internationale Lichtkunst“. Wiederum im östlichen Ruhrgebiet, inszenieren die Künstler in privaten Räumen. Im Gartenhaus, auf dem Dachboden oder im Gewölbekeller. Es werden vom kleinen  Zechenhäuschen bis zur Gründerzeitvilla viele verschiedene Typen von Architektur mit in die Biennale einbezogen, die bekannte Künstler wie Olafur Eliasson und Francois Morellet als Gäste in die Wohnzimmer der Menschen des Ruhrgebiets führt. Eine Installation von Dan Flavin, der zu Lebzeiten noch den Wissenschaftspark in Gelsenkirchen illuminierte, wird für die Biennale ebenfalls installiert werden. Landmarke Angerpark „Die Bramme für das Ruhrgebiet“ von Richard Serra und der Tetraeder in Bottrop bekommen Gesellschaft. Die Landmarke „Tiger &Turtle/ Magic Mountain“ fügt der Landmarkenpalette im Ruhrgebiet eine Art begehbare Achterbahn hinzu. Die Skulptur nimmt die Windungen der Halde auf und begibt sich in das Spannungsfeld der Bewegung. Was aus der Ferne betrachtet noch Schnelligkeit vermittelt, wird vor Ort zu Fuß erobert und eröffnet schließlich den ruhigen Blick auf die umgebende Landschaft.

Zwei Berge – eine Kulturlandschaft
Der Mechtenberg war bereits in den 1990er-Jahren, Im Rahmen der IBA, Bühne für Land-Art-Projekte. Udo Weilacher, Professor an der TU München, kuratiert das Projekt im Städtedreieck Essen/ Bochum/Gelsenkirchen, das zum Experimentierfeld für eine urban geprägte Landschaftsentwicklung wird.
Es wird zwei Projekte geben: Zum einen eine Ferme Orneé an den Hängen des natürlich entstandenen
Mechtenbergs, zum anderen der Industriewald auf der aufgeschütteten Halde Rheinelbe.
Die Ferme Orneé soll im engen Kontakt mit den Landbewirtschaftern vor Ort entstehen. Zusammen mit dem Bauern spürt der Landschaftsarchitekt Paolo Bürgi der Schönheit der Nützlichkeit nach. Dagegen wirkt der Industriewald Rheinelbe durch die Ursprünglichkeit der aufgewachsenen  Spontanvegetation. Die Halde wurde durch die Skulpturen von Herman Prigann bereits vor Jahren zum Kunstpark umgewandelt. Die  Entwicklung der Waldbestände wird forstwirtschaftlich untersucht und begleitet. Im Rahmen der Kulturhauptstadt sollen der Mechtenberg und die Halde Rheinelbe im Zusammenhang betrachtet werden.
Schachtzeichen

Und zu guter letzt: eine der temporären Installationen zieht sich über die gesamte Fläche von Ruhr 2010: Schachtzeichen setzt sich mit Tradition und Geschichte auseinander. An allen ehemaligen Zechenstandorten, und das sind etwa 400, werden gelbe Ballons für eine Woche in die Luft steigen und die Vergangenheit des Reviers als Punktteppich in den Himmel malen. An den Standorten erzählen Paten, ehemalige Kumpel oder Lokalhistoriker von der Arbeit unter Tage. Gleichzeitig sollen die gelben Ballons als Zeichen in die Zukunft weisen.

Das Ruhrgebiet „erfindet seine wirtschaftliche wie auch kulturelle Basis neu. Überall im Ruhrgebiet entstehen Orte der kulturellen Begegnung, hier ist die Zukunft zu Hause.“ So formuliert es Horst Köhler. Ob die Kulturhauptstadt tatsächlich ein dauerhaftes Haus für die Zukunft wird, oder ob sie nur für ein paar Monate ihr Zelt aufschlägt, muss die Region erst noch beweisen – die Möglichkeit, die Chance ist da.