SOWATORINI Landschaft - Post Auto

Öffentlicher Raum

Post Auto

Wilhelm der 2. als kühner Visionär – eine Rolle, die er wohl nur in kruderen Texten inne haben dürfte. „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.“ Diese Überlieferung des Reiters Wilhelm musste bislang vor allem als Beweis für eine gewisse Halsstarrigkeit herhalten. Und auch wenn die Rückkehr zum Pferd eine durchaus sympathische Vorstellung ist; besonders der zweite Teil des Satzes zeugt vor dem Hintergrund aktueller Debatten, von zurückgewonnener Aktualität. Ob die Mobilität der Zukunft ganz ohne das Auto auskommt, ist nicht die wichtigste Frage. Wichtiger ist die Aussicht, weite Teile des öffentlichen Raums nicht einer Art von Mobilität unterzuordnen. Es braucht ein Nebeneinander von unterschiedlichen Bewegungen durch den Raum. Unsere Städte zeigen in der Breite ein anderes Bild. In das Vakuum der zerstörten Städte des 2.Weltkrieges zeichneten die Stadtplaner, nicht selten, die autogerechte Stadt. Es sollte noch ein paar Jahrzehnte dauern, bis Fußgängerzonen, in einer Art Gegenbewegung, die PKWs von den konsumierenden Menschen per pedes separierten. Letztlich wurde auch die Straßenbahn als störendes Vehikel identifiziert und man begann mit dem Einsatz einiger Milliarden Euro Tunnel unter die Innenstädte zu buddeln um dort ein dutzend Haltestellen in den Untergrund zu verlegen. Das Ausmalen, was mit diesen Geldern möglich gewesen wäre… es wäre ein buntes Bildchen, was man sich da ausmalen könnte. Doch zurück zum Auto und Städten, die für Autos umgeplant wurden. Es könnte eine Ironie der Geschichte werden, das der radikale Umbau zur autogerechten Stadt, den viele, ob Anwohner oder Stadtplaner, als Katastrophe verdammen, in einer Zeit, die weit weniger einseitig auf das Auto setzt, zu einer riesigen Chance für unsere Städte wird. Man kann das Pneu der Geschichte nicht zurückdrehen. Aber viele und breite und lange Straßen mitten und überall in unseren Städten, das ist ein weites Feld, auf dem Neues gedeihen kann. Welches Szenario macht das Nachdenken über Straßen als urbaner Lebensraum so spannend: Das Ende der grenzenlosen Verfügbarkeit fossiler Brennstoffe ist absehbar. Immer mehr Menschen leben in der Stadt. Die urbane Mobilität ist im Wandel. Die Dominanz des Auto wird abgelöst und althergebrachte Formen der Bewegung (Fahrrad. ÖPNV, Schienenverkehr,…) gewinnen wieder an Bedeutung. Dazu ergänzen innovative Konzepte auch heute schon die Mobilität. Carsharing, Sammeltaxen, Fahrgemeinschaften und zukünftig noch vieles mehr bewältigen das Fortkommen in der Stadt. Ein Patchwork von individuell zugeschnittenen Mobilitätsmustern, die maßgeblich durch die digitale Kommunikation aufeinander abgestimmt werden. Zuschnitte, die auf unterschiedliche Lebensentwürfe anpassbar sind. Die Folge: Eine effizientere Mobilität, die deutlich weniger Raum eindimensional besetzt, wie Autos die Straßen heutzutage. Das klingt ein wenig zu euphorisch? Die schöne neue Stadt von morgen? Es braucht noch Zeit, bis all die Bewegungsrädchen gut ineinandergreifen. Dennoch: Ein Szenario, in dem das Auto nicht dominiert, ist nicht absurd. Und es ist ein Szenario, in dem man neu über die Verkehrsflächen in unseren Städten nachdenken kann. Doch welche Flächen und Räume werden frei? Die Typologien sind vielfältig. Von Stadtautobahnen, CityRadialen und mehrspurigen Ringstraßen hin zu Nebenstraßen und unzähligen Parkplätzen. Mal als weite Asphaltflächen, mal schmal im Häusermeer oder versteckt in verwinkelten Hinterhöfen. Die Frage stellt sich: Was passiert mit diesen Räumen? Wenn Freiraum und Freiheit entsteht, Städte von den Straßen her neu zu denken: Wie nutzen wir diese Freiheit? Wandeln wir jede Asphaltfläche in eine Parkanlage um? Sind unbetretbare Biotope das Mittel der Wahl oder setzen wir auf grüne Infrastrukturen die Bestehendes neu vernetzen? Oder werden Flächen für Nachverdichtung genutzt um bezahlbaren Wohnraum in unsere Innenstädte zurückzuholen und, grade in den Ruhrgebietsstädten, für mehr Dichte, mehr Menschen zu sorgen? Pauschale Zuweisungen von vorgezeichneten Nutzungen sind unangemessen. Die Stadtgesellschaft wird über jeden dieser Freiräume verhandeln müssen. Die Anwohner, die Kommune, die Wirtschaft und die Fachplaner. Und dann sehen wir ein Stück der Zukunft. Wogende Weizenfelder, die sich in der Breite eines Mähdräschers durch die Agropolis winden. Durch aufgerissene Straßen ziehen sich Gärten in Gräben, die Platz machen, für Pflanzen, Tiere und Menschen. Bauminseln perforieren den Asphalt und in den Zwischenräumen spielt man Fußball oder wirft ein paar Körbe. Vielleicht kehrt sogar der Forst und der Wald zurück in die Stadtlandschaft und Kinder bauen sich Baumbuden im Geäst. Vieles ist denkbar, wenn die Straße nicht allein den Autos gehört. Die Botschaft ist: Die multimodale urbane Mobilität, post Auto, eröffnet neuen Freiraum: Für ökologische Qualitäten, für eine neue Art von Stadtgestalt und Ästhetik und, nicht zuletzt, für das Zusammenleben in unsern Städten.