SOWATORINI Landschaft - Brücke

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Brücke

Unter Brücken – über die Dunkelheit in Städten
Kaspar, Melchior und Balthasar waren in der Nähe von Bethlehem unterwegs. Sie folgten dem Stern. Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor Ihnen her bis zu dem Ort, wo er nicht mehr zu sehen war, vor lauter Leuchtreklame.1 Hätte künstliches Licht bereits zu Herodes Zeiten die Städte in diffuse Lichtglocken getaucht, wäre die Geschichte des christlichen Abendlandes vermutlich anders verlaufen. Licht ist in unseren Städten omnipräsent. (s.Abb.1.) Und es wird mehr werden. Im Jahr 2050 werden ca. 70% der Weltbevölkerung in Städten leben.2 In Städten, die noch mehr ausgeleuchtet sein werden, als sie es heute schon sind. Taghell strahlende Raffinerien, LED-Strassenbeleuchtungen und die um sich greifende Praxis, jeden noch so unspektakulären Apfelbaum von unten zu beleuchten, führen zum allmählichen Verlust der dunklen Nacht. In Berlin sind die sternklaren Nächte heute 10 Mal heller als vor 150 Jahren. Bewölkte Nächte sind sogar 1000 Mal heller als ihre vorindustriellen Nachtschwestern.3(s. Bild Himmelvergleich) Doch noch gibt es dunkle Orte in der illuminierten Zivilisation. Dieser Text macht sich für die Dunkelheit stark. Es braucht auch in Zukunft Dunkelheit in unseren Städten.

Abb.1:Chicago
Wer mit einer solchen Forderung auf den Plan tritt, gerät zwangsläufig in die Suchscheinwerfer der Sicherheitsfanatiker. Offenkundig ist Dunkelheit mit Gefahr verbunden. Der Vorrat an dunklen Räumen, die uns Angst machen ist reichhaltig. Der dunkle Wald als Ort des Andersartigen ist hierzulande vielleicht das am weitesten verbreitete Sujet. Ob es Räuberbanden, böse Wölfe, Trolle, Hexen und Kobolde sind. Der Wald ist Tummelplatz abtrünniger Gestalten. Andererseits ziehen sich auch John Rambo4 und Robin Hood in den dunklen Wald zurück. (s.Abb.2.) Der sprichwörtliche „Schutz der Dunkelheit“ ist auch im urbanen Kontext Rückzugsort5 der Unterprivilegierten, ein Raum der sich der staatlichen Kontrolle entzieht. In Paris rupften die Revolutionäre die Strassenlaternen aus dem Pflaster und sorgten so wieder für Dunkelheit. Staatliche Kontrolle und Helligkeit sind eng miteinander verbunden und im Umkehrschluss, der Verlust dieser Kontrolle in der Dunkelheit.6 Heutzutage zählen Kanalisationen und Ruinen zum Kanon durch Dunkelheit stigmatisierter Bedrohungsorte und: Räume unter Brücken.

Abb.2.: Szene aus Rambo „First Blood“
Die Brücke selbst ist ausserordentlich positiv besetzt; Räume unter Brücken scheinen dagegen wie an die Oberfläche getretene Vorzimmer der Unterwelt, Refugien der Kriminellen. In dem Film „Ronin“ treffen sich die Drahtzieher dunkler Machenschaften unter den Brücken an der Seine, in jedem zweiten HipHop-Video duellieren sich Gangster unter Brücken, bestenfalls, symbolisch mit Mikrophonen und Sprühdosen.7 Mithin ergibt sich ein illustres Kabinett aus Killern, Clochards, Hip-Hoppern und Drogensüchtigen, die sich da unter den Brücken unserer Städte zu zwielichtigen Geschäften treffen. Wenn dann noch Sprayer, Street-Artisten und Skater den Beton unter Brücken bevölkern (s.Abb.3) dann nehmen die betont bürgerlichen Altsprachler die Beine in die Hand.

Abb.3. Unter der Europabrücke in Koblenz
Doch auf der Suche nach Gestaltungsraum geraten die vermeintlichen Unorte und Zwischenräume vermehrt in den Fokus weit untadeliger Disziplinen. Stadtplaner, Landschaftsarchitekten und Künstler tummeln sich, mal gedanklich, mal leibhaftig, ebenfalls im Schlagschatten der Brückenbauwerke.
In Amsterdam hat das Landschaftsarchitekturbüro West 8 unter einer Ansammlung von Brücken eine ironische Installation geschaffen. Im Zuge der Baumassnahmen mussten dutzende alter Bäume gefällt werden. Genau an diesen Stellen ragen stählerne Baumstümpfe aus dem Boden, die in der Nacht Lichtzeichen unter die Brücken projizieren.

Abb.4 und 5.: Carrascoplein in Amsterdam und Kunstlichttor 9 in Bochum
In Bochum werden die 16 Unterführungen, durch die man in die Innenstadt gelangt, durch das Projekt KunstLichtTore inszeniert. (s.Bild Tor 9) Mark Handforths Neonschriftzug „Claudia, ich liebe dich“ wurde unter der Johanniterbrücke in Basel realisiert. (s.Bild Johanniterbrücke) Bei all diesen Projekten geht es, erfreulicherweise, nicht um das Ausleuchten des Raumes unter Brücken. Es geht nicht darum durch Helligkeit „nächtliche Delikte zu verhindern“8, sondern um das Setzen von künstlerischen Akzenten im urbanen Raum.

Abb.6.: Johanniterbrücke in Basel

Unter Brücken herrscht ganz offensichtlich ein besonderes Kleinklima. Nischen in denen Andersdenken und Kreativität, Aneignung und selbstbestimmte Teilhabe in unseren Städten gedeihen. Es gibt, neben den verständlichen Bedürfnissen nach Sicherheit im öffentlichen Raum, kreativen Spielraum unter Brücken, der weit über die stumpfe Illuminierung von Brücken hinausgeht. In den hellen Städten der Zukunft werden diese Orte noch wichtiger sein, als sie es heute schon sind. Es braucht schattige Fugen in der hellglänzenden Stadtoberfläche. Orte an denen, neben den Kriminellen, auch die Unkonventionellen Lebensraum finden; und, nicht zuletzt, Obdachlose einen trockenen Ort zum Pennen.